06.01.1999



Ein Türke auf dem Hellweg

Startseite
Jungle World

*   Ein Türke auf dem Hellweg
Von Pascal Beucker

Bertan Aygün ist zwar kein Serientäter, aber vorbestraft und Ausländer. Deswegen will das Ausländeramt Bochum den gebürtigen Pöttler abschieben.

Ein Kind von Traurigkeit ist der heute 21jährige Bochumer vor seiner Volljährigkeit wahrlich nicht gewesen. Geprügelt hat er sich, gestohlen hat er - und sich erwischen lassen. Da war er gerade mal 13. Zur Strafe haben sie ihn ins Erziehungsheim gesteckt. Doch genützt hat es nichts. Als er wieder rauskam, "war mir alles ziemlich egal", erzählt er. Auf die Schule hatte der Junge keinen Bock mehr, machte oft blau. Mit Mühe und Not hat er noch seinen Hauptschulabschluss geschafft. Den anschließenden Schweißerlehrgang hätte er sich gut sparen können, einen Job fand er selbstverständlich nicht.

Statt dessen machte er mit Kumpels die Gegend unsicher: "Da ging es härter zur Sache." Was er damit meint? Eine breit gefächerte Palette sogenannter milieubedingter Straftaten, alle begangen zwischen April und November 1994: Diebstähle, Körperverletzungen, einfacher und schließlich schwerer Raub - er hatte jemanden mit Reizgas bedroht, um an einen Walkman zu kommen. Und natürlich haben sie ihn wieder erwischt. Nun war Knast angesagt. Zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilte ihn das Amtsgericht Bochum im April 1995. Im Januar 1997 wurde er vorzeitig auf Bewährung entlassen. Seitdem ist der 1977 in Witten Geborene nicht mehr straffällig geworden.

Doch dem Ausländeramt der Stadt Bochum reicht das nicht. Denn dem Ruhrpottler mit der kriminellen Vergangenheit fehlt zu einer anerkennenswerten Resozialisierung ein entscheidendes Detail: die deutsche Staatsbürgerschaft. Bertan Aygün ist dem Gesetz nach Türke - also ein "krimineller Ausländer". Und was mit denen geschehen soll, hat Bundeskanzler Gerhard Schröder bereits vor Amtsantritt unmissverständlich deutlich gemacht: "Wer unser Gastrecht missbraucht, für den gibt es nur eins: Raus und zwar schnell."

So sieht das auch die Ausländerbehörde im sozialdemokratisch regierten Bochum. Am 23. Juni 1997, ein halbes Jahr nach Aygüns Haftentlassung, verfügte sie die Ausweisung. Seitdem kämpft der Jugendliche um seinen Verbleib in der Bundesrepublik. Seit Ende letzten Jahres berät das Gelsenkirchener Verwaltungsgericht über den Fall. Mit einer Entscheidung wird in den nächsten Wochen gerechnet. "Ich habe viel Mist gebaut - und dafür war ich im Knast", meint Bertan Aygün heute. Dass er für seine Taten ein zweites Mal bestraft werden soll, versteht er nicht. Er will die Chance für einen Neuanfang.

"Ich lebe in der ständigen Angst, abgeschoben zu werden", sagt Aygün. In der Türkei zu leben, ist für ihn unvorstellbar. Was soll er dort? Es ist für ihn ein fremdes Land und Türkisch eine fremde Sprache, die er nur schlecht beherrscht. Die letzte Verbindung in das Land seiner Vorfahren war sein Vater gewesen. Doch der ist gestorben, während sein Sohn im Knast saß. Das letzte Mal hatte Aygün ihn vor 18 Jahren gesehen - damals war er drei Jahre alt gewesen. 1978 ist der Vater in die Türkei zurückgegangen. Seine Frau und ihre sechs Kinder folgten kurze Zeit später. Aber das Familienglück in der neuen, alten Heimat hielt nur zwei Jahre. Die Mutter wollte wieder nach Deutschland. Sie verließ ihren Mann und kehrte 1980 mit den Kindern zurück ins Ruhrgebiet. Seitdem hat Aygün die Türkei nicht mehr gesehen. Dass das sein "Heimatland" sein soll, kann er nicht begreifen.

Seit seiner Haftentlassung hat sich viel im Leben Bertan Aygüns geändert. "Den Kontakt mit den alten Kollegen habe ich abgebrochen", erzählt Aygün. Er hat sich einen neuen Freundeskreis aufgebaut. Inzwischen ist er Familienvater: Im März letzten Jahres heiratete er seine Lebensgefährtin Melanie; im September wurde ihr Sohn geboren. Auch beruflich sieht es nicht schlecht für ihn aus: Noch im Knast hatte Aygün seinen Berufsschulabschluss gemacht und eine Lehre zum Hochbaufacharbeiter absolviert. Er hat sogar die feste Zusage eines Bauunternehmers, bei dem er sofort anfangen könnte - wenn das Ausländeramt ihn denn ließe. Doch Aygün darf nicht arbeiten. Die Behörde verbietet ihm jede Erwerbstätigkeit.

"Bertan ist nach seiner Entlassung nicht mehr straffällig geworden, hat einen Beruf erlernt und eine Familie gegründet - mehr kann man eigentlich nicht machen." Für Aygüns Anwalt Heinz Weißenberg ist das Verhalten des Ausländeramts ein Skandal. Er sieht Parallelen zum Fall "Mehmet" - nur dass eine mögliche Abschiebung seinen Mandanten noch härter treffen würde, so Weißenberg. Schließlich habe Aygün Frau und Kind, die er zurücklassen müsste. "Das Interesse an der Entfernung ist anscheinend höher als das an der Wandlung meines Mandanten", konstatiert der Anwalt bitter. "Man fragt sich doch, warum man jemanden resozialisiert, wenn man ihn anschließend ausweist?" Das Ausländeramt will diese Frage zur Zeit nicht beantworten. Mit Hinweis auf das laufende Verfahren verweigert es jede Stellungnahme zum "Fall Aygün".


© Pascal Beucker. Alle Rechte an Inhalt, Gestaltung, Fotos liegen beim Autor. Direkte und indirekte Kopien, sowie die Verwendung von Text und Bild nur mit ausdrücklicher, schriftlicher Genehmigung des Autors.