18.04.2007

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Jungle World

*   Der Gewerkschaftspfleger
Von Pascal Beucker

Als Heinrich von Pierer Vorstandsvorsitzender von Siemens war, sollen Hunderte von Millionen an Schmiergeld geflossen sein. Pierer will davon nichts gewusst haben.

Sie haben ihm alles zugetraut. Heinrich Karl Friedrich Eduard Pierer von Esch wurde mit Offerten geradezu überhäuft. Wirtschaftsminister hätte »Mister Siemens« werden können, wenn er nur gewollt hätte. Als erster deutscher Konzernchef sprach er vor dem UN-Sicherheitsrat. Und sogar für das Amt des Bundespräsidenten wurde er gehandelt. Aber die Zeiten ändern sich. Nach den jüngsten Enthüllungen im Zusammenhang mit dubiosen Zahlungen des Siemens-Konzerns an seinen ehemaligen Betriebsrat Helmut Schelsky musste der 66jährige Franke in der FAZ lesen, dass es fraglich sei, ob er es bis zu den Aufsichtsratsneuwahlen im Januar 2008 in seinem Amt aushalte. »Gleichgültig, wie sich Pierer entscheidet: Für einen würdevollen Abgang ist es zu spät«, hieß es weiter.

Was für ein tiefer Fall für jemanden, der viele Jahre einer der engsten Berater Helmut Kohls war, der mit Gerhard Schröder Tennis spielte und Angela Merkels wirtschaftspolitischer Chefberater im Bundestagswahlkampf war. Inzwischen ist Pierer Vorsitzender eines Gremiums von Regierungsberatern mit dem Namen »Rat für Innovation und Wachstum«.

Pierers großes Problem ist es, dass sich die Staatsanwaltschaft bei ihren Untersuchungen zu den Korruptionsvorwürfen seiner Person inzwischen bedenklich genähert hat. Gegen Karl-Hermann Baumann, seinen Vorgänger als Aufsichtsratsvorsitzender, laufen die Ermittlungen ebenso wie gegen die ehemaligen Vorstände Thomas Ganswindt und Heinz-Joachim Neubürger und den noch amtierenden Zentralvorständler Johannes Feldmayer. Sie alle hatten ihre Blütezeit bei Siemens während jener zwölf Jahre, in denen Pierer an der Spitze des Konzerns stand.

Doch von der möglichen Korruption auch und gerade zu seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender will der Abkömmling habsburgischen Militäradels nichts gewusst haben. Denn in dieser Funktion sei er weit weg vom »operativen Geschäft« gewesen. Auch die Übernahme einer politischen Verantwortung lehnt er ab. Der Begriff sei »überstrapaziert« und auf die Wirtschaft nicht zu übertragen.

Die einzige Konzession, die der frühere bayerische Jugendmeister im Tennis zu machen bereit war, stellte seine Ankündigung auf der Hauptversammlung der Siemens-Aktionäre im Januar dieses Jahres dar, zukünftig nicht mehr als Aufsichtsratsvorsitzender an den Sitzungen des Prüfungsausschusses des Gremiums teilzunehmen. Damit sei möglichen Interessenkonflikten »in ausreichendem Maß Rechnung getragen«, befand er. Am Ende votierten lediglich 65,9 Prozent der Stimmberechtigten für seine Entlastung. Noch vor der Affäre um Schelsky und die AUB bescherten ihm die Anteilseigner das schlechteste Ergebnis aller Mitglieder des Aufsichtsrats und des Vorstands, weit von jenen 95 Prozent entfernt, die in früheren Tagen bei solchen Abstimmungen üblich waren.

Pierer heuerte unmittelbar nach seinem Studium im Jahr 1969 bei dem traditionsreichen Elektrokonzern an. Der gebürtige Erlanger, der von 1972 bis 1990 für die CSU im Rat seiner Herkunftsstadt saß, arbeitete sich ehrgeizig – mit einem Abstecher zum Siemenstochterunternehmen KWU – nach oben. Im Herbst 1990 stieß er ins erweiterte Machtzentrum, den Vorstand, vor. Dann ging alles schnell. Ein Jahr später kam er in den Zentralvorstand, Mitte 1991 wurde er Stellvertreter des damaligen Vorstandschefs Karlheinz Kaske, im Oktober rückte er an dessen Stelle. Zwölf Jahre leitete er den Konzern, bis er das Amt im Januar 2005 an Klaus Kleinfeld weitergab und selbst in den Aufsichtsrat wechselte.

Fest steht inzwischen, dass das System schwarzer Kassen, mit dessen Hilfe hohe Schmiergeldsummen im Ausland gezahlt wurden, während Pierers Zeit im Vorstand aufgebaut wurde. Obwohl er immer wieder den Kampf gegen die Korruption ausrief, flossen in den vergangenen Jahren allein beim inzwischen aufgelösten Geschäftsbereich Kommunikation (Com) nach konzerneigenen Schätzungen bis 420 Millionen Euro in dunkle Kanäle. Das allerdings dürfte nur ein kleiner Teil der zweifelhaften Geldtransfers sein. Denn die Ermittlungen beziehen sich nur auf jenen Komplex, der noch nicht verjährt und der überhaupt strafbar ist. Denn schließlich verbot der deutsche Staat erst Ende der neunziger Jahre den Unternehmern, ihr Schmiergeld an ausländische Politiker daheim als »nützliche Aufwendungen« abzusetzen.

Ärger gab das bis dahin höchstens im Ausland, für Siemens beispielsweise Mitte der neunziger Jahre in Singapur. Es kam heraus, dass ein Mittelsmann des Konzerns einen hochrangigen Beamten der Energiebehörde bestochen hatte. In der Folge wurde Siemens fünf Jahre lang von öffentlichen Aufträgen in diesem Land ausgeschlossen.

Auf dem Papier verschärfte die Führung von Siemens ihre internen Richtlinien. Tatsächlich jedoch wurde kräftig weiter geschmiert. So gab im März ein ehemaliger Manager des Konzerns vor dem Landgericht Darmstadt die Bestechung von Mitarbeitern des italienischen Energieversorgungsunternehmens Enel in den Jahren 1999 bis 2002 zu und bezeichnete dies als damals gängige Praxis. Siemens soll auch in anderen Geschäftsbereichen rund um den Globus mit Bargeld nachgeholfen haben. Aber kann es wirklich sein, dass eine Truppe »kreativer Mitarbeiter« jahrelang Geldsummen in dreistelliger Millionenhöhe aus dem Unternehmen abzog, ohne dass die damalige Konzernleitung um Pierer etwas merkte? Könnten jene Schmiergeldzahlungen nicht vielmehr der Preis für die von Pierer erfolgreich betriebene Internationalisierung des Konzerns gewesen sein?

Auch von den umstrittenen Millionenzahlungen an den AUB-Vorsitzenden Schelsky will Pierer nichts gewusst haben. Er habe von den Beraterverträgen »keine Kenntnis gehabt«, hieß es lapidar in einer schriftlichen Stellungnahme. Welches Verhältnis Pierer tatsächlich zur AUB und zu Schelsky hatte, darüber gibt es bislang widersprüchliche Angaben. Pierer hat den Geschäften Schelskys zumindest nicht geschadet. Auffällig ist zudem, dass der eigentümliche Arbeiterführer genau zu jenem Zeitpunkt bei Siemens ausschied und sich als Unternehmensberater selbständig machte, als Pierer in den Zentralvorstand aufstieg. Seit jener Zeit Ende 1990 pflegte der Konzern die Geschäftsbeziehung zu seinem ehemaligen Betriebsratsmitglied, die jetzt die Staatsanwaltschaft so brennend interessiert.

Auf der nächsten Aufsichtsratssitzung am 25. April wollen Vertreter der Belegschaft eine exakte Liste aller Zahlungsvorgänge oder Geschäftsbeziehungen zwischen Wilhelm Schelsky und dem Konzern fordern, nachdem frühere Anfragen offenbar erfolglos geblieben sind.

Allerdings war Pierer auch stets um gute Beziehungen zu den Vertretern der IG Metall im Gesamtbetriebsrat und im Aufsichtsrat bemüht. Das zahlte sich aus: Ohne großes Aufsehen schaffte er in seiner Zeit als Vorstand den Abbau von mehreren zehntausend Arbeitsplätzen. Das Auffällige an Heinrich von Pierer sei seine Unauffälligkeit, bemerkte einmal das Handelsblatt: »Er ist ein Mann wie von nebenan, ein ganz normaler Deutscher.« Pierer habe als einer gegolten, der mit jedem reden kann, der mit den Arbeitern Schafkopf spielt – und »der Gewerkschafter pflegt«, schrieb das Handelsblatt gut einen Monat vor der Aufdeckung des Skandals um die AUB. Seine Masche funktionierte so gut, dass er im Erfurter Generatorenwerk sogar einmal zum »Ehrenbetriebsrat« ernannt wurde. »Jetzt bin ich unkündbar«, witzelte Pierer hernach. Das wird sich bald zeigen.


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