27.05.1999



Interview mit Tanja Grmec

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*   "Die Bomben haben alles verschlimmert"
Von Pascal Beucker

Die 26jährige Tanja Grmec lebt in Bochum. Doch ein Teil ihrer Familie wohnt immer noch dort, wo auch sie die ersten Jahre ihres Lebens verbracht hat: in der jugoslawischen Stadt Nis. Ihre Cousine ist dort seit zehn Jahren in der demokratischen serbischen Opposition aktiv. Zu ihr und ihrer Tante steht Tanja Grmec über Telefon und E-Mail in engem Kontakt. Soweit das noch geht.

Wie geht es Ihren Familienangehörigen in Nis?

Tanja Grmec: Sie leben halt in ständiger Angst und hoffen, daß der Bombenterror schnell aufhört. Wenn man ständig diesen Luftalarm hört, zehrt das unheimlich an den Nerven. Sie können den Schutzkeller nicht mehr sehen, und sie werden krank dadurch, daß es im Keller feucht und naß ist.

Wie sieht es denn jetzt in Nis aus?

Tanja Grmec: Nis ist sehr oft bombardiert worden. Es ist sehr viel zerstört worden: Brücken, Industrieanlagen, der Marktplatz. Auch die Universität ist getroffen worden. Zur Zeit gibt es nicht einmal mehr Trinkwasser. Meine Familie wohnt auf dem Bulevar Lenjina in Nis. Der ist vor kurzem bombardiert worden - unter anderem mit Clusterbombs. Das ist etwas, was für mich völlig unbegreiflich ist. Das ist eine Straße, in der nur Familienwohnhäuser stehen. Und diese Straße wurde bombardiert.

Die NATO sagt, sie würde nur "legitime militärische" Ziele angreifen. Nur dort würden Streubomben eingesetzt, nicht gegen die Zivilbevölkerung.

Tanja Grmec: Genau an dem Tag, an dem der Bulevar Lenjina bombardiert wurde, hieß es auch im deutschen Fernsehen, daß diese Clusterbombs von der NATO nur gegen strategische Ziele eingesetzt würden. Aber das stimmt nicht. Das wäre auch völlig unlogisch, weil diese Clusterbombs für sogenannte "weiche" Ziele gemacht worden sind - das heißt für Menschen.

Was glauben Sie, ist die Absicht solcher Bombardements?

Tanja Grmec: Es fällt mir sehr schwer, da irgendeinen Sinn zu erkennen. Die NATO sagt halt, das sind Versehen. Vielleicht hofft sie auf eine Demoralisierung der Bevölkerung. Ich weiß es nicht.

Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Ludger Volmer, hat im taz ruhr-Interview gesagt, es gebe keine Opposition mehr in Serbien. Entspricht das der Realität?

Tanja Grmec: Nein. Zum Beispiel ist Nis eine, wie wir es nennen, "freie Stadt". Das heißt, sie wird von der Opposition regiert. Die demokratische Opposition ist auf jeden Fall immer noch aktiv. Sie macht beispielsweise Appelle. So gibt es einen "Brief an die albanischen Freunde", in dem sie versucht, wieder eine Zusammenarbeit mit Albanern aufzubauen. Darin steht, daß das Vertrauen wieder hergestellt werden muß. Und daß die Verbrechen, die im Kosovo begangen werden, enthüllt werden müssen. Die serbischen Oppositionsgruppen und Menschenrechtsorganisationen versuchen, hier wieder einen Dialog herzustellen. Die serbische Menschenrechtsorganisation hat immer den Dialog mit den Kosovo-Albanern gesucht, um gemeinsam einen Weg zu der Straße des Friedens zu finden.

Für wie chancenreich halten Sie nach dem Geschehenen noch solche Dialogversuche?

Tanja Grmec: Der Versuch ist da. Aber die Situation sehr kompliziert - Besonders für die Kosovo-Albaner. Denn sie müssen bereit sein, trotz der an ihnen verübten Greueltaten ihren emotional verständlichen Haß beiseite zu schieben und jetzt rational an eine gemeinsame Zukunft zu denken. Das ist schwer. Aber die Menschen in Jugoslawien, ob Serben, Kosovo-Albaner oder auch Roma, müssen wieder den Dialog suchen. Vielleicht könnte hier die deutsch-französische Nachkriegsversöhnung als Beispiel dienen.

Die NATO betont immer wieder, sie führe keinen Krieg gegen die jugoslawische Bevölkerung, sondern nur gegen Milosevic. Auch die Opposition kämpft gegen Milosevic. Müßten Sie da nicht eigentlich die Bombardements begrüßen?

Tanja Grmec: Ich glaube, niemand kann die Bombardements begrüßen, wenn er selbst davon betroffen ist. Wenn man ständig jeden Tag, jede Stunde, jede Minute Todesangst hat.

Wie sehen denn die Arbeitsbedingungen für serbische Oppositionelle seit Beginn des Krieges aus?

Tanja Grmec: Die sind sehr schwierig. Die demokratische Opposition ist natürlich im Moment für die Bevölkerung überhaupt nicht interessant. Alle sind damit beschäftigt, zu überleben. Es wird auch sehr viel zerstört, was von der Opposition schon mal aufgebaut worden ist.

Würden Sie also sagen, daß die Bombardements Milosevic nicht geschwächt, sondern gestärkt haben?

Tanja Grmec: Das ist sehr schwer zu beurteilen. Ich glaube nicht, daß die Menschen durch die Bombardements jetzt alle in die Arme von Milosevic getrieben worden sind. Aber auch nicht in die Arme der Demokratie. Es sind viele verbittert über Milosevic, aber auch eben über die NATO und damit generell über den Westen.

Was erwarten Sie von den westlichen Staaten und der NATO?

Tanja Grmec: Ich bin auf jeden Fall für einen sofortigen Stopp aller Bombardements. Ich bin fest davon überzeugt, daß es zu einem friedlichen Dialog keine Alternative gibt. Damit könnte tatsächlich etwas für die Menschen im Kosovo und in Jugoslawien erreicht werden. Und es muß einen Wiederaufbau des Landes geben. Ohne die Unterstützung der Länder, die jetzt diese Zerstörungen angerichtet haben, wird das nicht gehen. Aber erstmal müssen diese Bombardements aufhören. Denn sie tragen nicht dazu bei, irgendeinen Konflikt hier zu lösen. Da sind ganz andere, friedliche Mittel gefragt. Die Bomben verschlimmern jetzt alles nur noch. Es dürfen nicht weiter Menschen durch die NATO-Bomben sterben.

Es gibt in Deutschland sehr viele Hilfsaktionen für die Flüchtlinge aus dem Kosovo. Halten Sie solche Aktivitäten auch für die Menschen in Jugoslawien für notwendig?

Tanja Grmec: Im Kleinen gibt es das glücklicherweise schon. Zum Beispiel gibt es aus Dortmund Hilfe für Novi Sad, Dortmunds Partnerstadt. Ich bin der Meinung, solche Hilfe müßte es jetzt noch vielmehr geben. Denn die Menschen in Jugoslawien leiden Hunger. Sie haben keine Arbeit und kein Geld mehr. Durch die dauernden Stromausfälle gibt es zum Teil kein Brot mehr, weil nichts mehr gebacken werden kann. Krankenhäuser können nicht operieren, weil kein Strom da ist. Es muß Hilfe geben, denn man darf diese Menschen nicht alleine lassen. Auch diese Menschen leiden unter diesem Krieg. Der NATO-Krieg trifft auch und gerade Zivilisten. Was haben diese Menschen getan? Es sind Zivilisten - und auch ihnen muß geholfen werden.


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