10.08.2000



Interview mit Nazanin, Farhang und Rusbeh, die von der Iranischen Flüchtlingskinderhilfe betreut wurden

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taz

*   "Wir sind ganz normal erzogen werden"
Von Pascal Beucker und Marcus Meier

Wurden iranische Flüchtlingskinder von Kölner Verein indoktriniert und misshandelt? Jetzt melden sich die Betroffenen zu Wort.

Die 21-jährige Nazanin arbeitet als Rechtsanwaltsgehilfin, der zwei Jahre ältere Farhang ist als Informationstechniker tätig und der ebenfalls 21-jährige Klavierspieler Rusbeh bereitet sich zur Zeit auf seine Aufnahmeprüfung an der Musikschule vor. Als Kinder kamen sie als iranische Flüchtlinge nach Köln. Und sie wurden hier von 1993 bis 1997 von der Iranischen Flüchtlingskinderhilfe betreut. Gegen den Verein, in dessen Vorstand prominente Grüne sitzen, werden schwere Vorwürfe erhoben. Im taz-Interview beziehen Nazanin, Farhang und Rusbeh Stellung.

Wie und wann sind Sie in die Bundesrepublik gekommen?

Nazanin: Wir sind während des Golfkrieges nach Deutschland gekommen. Vorher lebten wir in einem Dorf im Irak, wohin wir vor den Mullahs geflohen waren.

Stimmt es, dass die Volksmodjahedin Sie in die Bundesrepublik gebracht haben?

Nazanin: Ja, um uns vor dem Krieg zu schützen.

Farhang: Unsere Eltern waren Mitglieder der Volksmodjahedin und wollten uns in Sicherheit bringen.

Sind auch Sie Mitglieder der Volksmodjahedin?

Rusbeh: Nein, niemand von uns ist Mitglied der Volksmodjahedin.

Oder Mitglieder des Nationalen Widerstandsrates, der den Volksmodjahedin nahe steht?

Farhang: Nein, auch das nicht.

Das gilt wohl nicht für alle Kinder, die von der Iranischen Flüchtlingskinderhilfe betreut wurden. Einige aus Ihrer Gruppe sollen nicht nur Mitglieder sein, sondern sich dem bewaffneten Kampf der Volksmodjahedin gegen den Iran angeschlossen haben.

Nazanin: Das stimmt. Aber das waren keine Kinder mehr, sondern bereits junge Erwachsene. Sie haben sich freiwillig dazu entschieden, in den Irak zurückzukehren. Genau so, wie wir uns entschieden haben, etwas anderes zu machen. Jeder sucht seinen Lebensweg.

Gab es Diskussionen darüber zwischen den Flüchtlingskindern?

Nazanin: Unsere Eltern sind politische Gefangene gewesen und wurden gefoltert. Einige von ihnen wurden sogar hingerichtet. Sie mussten im Iran immer versuchen, nicht verhaftet zu werden, waren ständig auf der Flucht. Geändert hat sich bis heute im Iran nicht viel. Sehen Sie nur mal die Studentenrevolte im letzten Jahr. Die Anführer sind alle verfolgt, verhaftet und gefoltert worden. Und das auch noch unter einem Präsidenten, den sie hier im Westen Reformer nennen. Wissen Sie, das sind Sachen, die uns allen durch den Kopf gehen. Wenn sich dann jemand entscheidet, sein Leben für die Menschen, die noch in diesem Land gefangen sind, einzusetzen, dann habe ich davor den größten Respekt.

Farhang: Wir sind in Deutschland aufgewachsen und in deutsche Schulen gegangen. Wir sind ganz normal erzogen worden. Und trotzdem gehen wir zu Demonstrationen gegen das Mullah-Regime. Das ist für uns eine klare Sache. Manche meinten, das reiche nicht. Die waren halt politisch aktiver als andere.

Dass Sie ganz normal erzogen wurden, wird von mehreren Zeugen bestritten. Ein früherer Lehrer von Ihnen behauptet, er hätte an Kindern aus Ihrer Gruppe Prügelspuren und sogar Spuren von ausgedrückten Zigaretten entdeckt.

Nazanin: Das ist eine glatte Lüge. Stellen Sie sich vor, wenn das wirklich so gewesen wäre: Wieso hat es nur ein Lehrer bemerkt, wieso nicht die ganzen Lehrer, die uns unterrichtet haben?

Welches Interesse könnte der Lehrer haben, zu lügen?

Nazanin: Das weiß ich nicht.

Mädchen sollen bestraft worden sein, wenn sie sich weigerten, ein Kopftuch zu tragen. Haben Sie während Ihrer Betreuungszeit ein Kopftuch getragen?

Nazanin: Nein, Sie werden kein Foto von mir finden, auf dem ich ein Kopftuch trage.

Farhang: Am Anfang haben manche Mädchen Kopftücher getragen, aber das war freiwillig. Es gab keine Kleidervorschriften. Heute trägt keine mehr ein Kopftuch.

Das ZDF-Magazin "frontal" erhebt den Vorwurf, Kinder und Jugendliche, die von der Flüchtlingskinderhilfe betreut wurden, seien regelmäßig nach Paris gefahren worden, um dort an Veranstaltungen der Volksmodjahedin teilzunehmen.

Nazanin: Das ist Unsinn. Einmal in den Osterferien sind wir in einem Bus nach Paris gefahren. Ich glaube, das war 1996. Wir haben eine Woche in Paris Urlaub gemacht. Einen Tag lang haben wir freiwillig an einer Veranstaltung der Volksmodjahedin teilgenommen. Wer die Fahrt organisiert hat, weiß ich nicht.

Wer hat Sie in den Einrichtungen betreut? Es heißt, ein Teil der Erzieher wären Volksmodjahedin gewesen. Zwei Frauen im Vorstand der Flüchtlingskinderhilfe jedenfalls sind Mitglieder dieser Organisation.

Nazanin: Ich weiß nicht, ob sie Mitglieder der Modjahedin sind. Wenn die ihre Sache gut machen, was interessiert das schon?

Hatten Sie nur iranische Erzieher?

Rusbeh: Sowohl deutsche als auch iranische Erzieher haben sich um uns gekümmert. Das war ein Team. Für die Hausaufgabenbetreuung waren natürlich die deutschen Erzieher zuständig.

Nazanin: Jeder Erzieher tat das, was er am besten konnte. Ansonsten gab es Regeln, die wurden vom Jugendamt festgesetzt, zum Beispiel, um wie viel Uhr wir zu Hause sein mussten und wie viel Taschengeld wir bekamen.

Farhang: Das Jugendamt war ja häufiger bei uns.

Wie oft hat Sie Anne Lütkes besucht?

Farhang: Oft. Ihr Ehemann Christoph Meertens war allerdings häufiger da. Vielleicht, weil Frau Lütkes nicht soviel Zeit hatte.

Hat Sie auch Kerstin Müller irgendwann einmal besucht?

Farhang: Nein.

Nazanin: Nein, die kennen wir nicht.

Auch Christoph Meertens und Anne Lütkes wird vorgeworfen, dass sie sich nicht um die von ihnen betreuten Kinder gekümmert hätten.

Nazanin: Lüge! Eine glatte Lüge. Die beiden sind gute Menschen und deswegen empfinde ich die Vorwürfe als Frechheit.

Farhang: Wir sind jetzt seit vier, fünf Jahren nicht mehr im Verein. Trotzdem: Wir brauchen nur kurz bei Herrn Meertens anzurufen und sagen, wir haben das und das Problem, und schon wird uns geholfen.

Was glauben Sie, warum werden die Vorwürfe gegen den Verein erhoben?

Nazanin: Das hat mit politischen und wirtschaftlichen Interessen zu tun. Deutschland will Öl, und im Iran wurde vor einiger Zeit eine der größten Ölquellen der Welt entdeckt. Das Regime erwartet Gegenleistungen. Die Volksmodjahedin sind ja die stärkste und größte oppositionelle Gruppe, die gegen dieses Regime kämpft. Unsere Eltern sind halt dabei. Und wir sind deren Kinder. Natürlich versucht jedes Regime, seine Feinde zu vernichten, auf irgendeine Art und Weise. Jetzt versuchen sie es auf diese Art. Das ist Propaganda.

Klingt das nicht sehr nach einer Verschwörungstheorie?

Nazanin: Eines ist doch schon merkwürdig: Der Bericht des Bundeskriminalamtes wurde im Mai fertiggestellt, aber nicht veröffentlicht. Zwei Monate später besucht der iranische Präsident Chatami Deutschland. Eine Woche später tauchen die Vorwürfe in irgendeiner Zeitschrift auf. Und das BKA verweigert jeglichen Kommentar. Die könnten doch irgendeine Erklärung abgeben. Der BKA-Bericht strotzt vor Ungereimtheiten. Da steht beispielsweise, dass wir als Vollwaisen ausgegeben worden seien, damit mehr Geld an den Verein fließt. Aber das BKA müsste doch wissen, dass es für Vollwaisen genau so viel Geld gibt wie für Kinder, die noch ihre Eltern haben.

Rusbeh: Und warum hat das BKA nicht ein Mal bei den Betroffenen nachgefragt? Bei uns war kein Polizist, kein Beamter...

Nazanin: ...oder sonst irgendjemand. Auch niemand von der Presse, die Schlagzeilen über uns gemacht haben. Dabei geht es doch eigentlich um uns.

Gehörten Sie zu den Exiliranern, die während des Chatami-Besuches in der Bundesrepublik Köln nicht verlassen durften?

Rusbeh: Nein, wir waren in Berlin. Am Samstag auf der Love-Parade - und am Montag haben wir gegen Chatami protestiert.


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