30.11.2000



Interview mit Dr. Ursula Hansen

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taz

*   Längeres Leben ist nicht umsonst
Von Pascal Beucker

Die in Bonn ansässige Stiftung „Humanitäre Hilfe für durch Blutprodukte HIV-Infizierte Personen“ zahlt Geld an die Opfer des größten deutschen Arzneimittelskandals. In den 80-er Jahren waren Tausende wider besseres Wissen von Pharmaindustrie, Blutspendediensten und Aufsichtbehörden mit verseuchten Blutprodukten behandelt worden. 1995 richtete die Bundesregierung die Stiftung ein, die den Opfern eine finanzielle Hilfe gewährt. Dr. Ursula Hansen ist Vorstandsvorsitzende der Stiftung.

Frau Hansen, Ihrer Stiftung fehlen 170 Millionen Mark, um ihre Arbeit bis voraussichtlich 2017 im Sinn des gesetzlich festgelegten Stiftungszwecks fortzuführen. Wieso?

Ursula Hansen: Die der Stiftung zur Verfügung gestellten 250 Millionen Mark sind zwar angewachsen, denn es sind Gelder zinsbringend angelegt worden. Wir haben bis heute etwa 190 Millionen Mark ausgegeben und haben noch 78 Millionen Mark. Aber die Stiftung hat errechnet, dass diese Mittel aufgrund des jährlichen Bedarfs nach der heutigen Kenntnis der Lebenserwartung des betroffenen Personenkreises 2004 aufgebraucht sein werden. Das hat zu tun mit der Sterberate der Infizierten. Dank therapeutischer Fortschritte konnte sie halbiert werden seit Inkrafttreten des Gesetzes, das die Errichtung der Stiftung 1995 bestimmte. Das führt zu dem erfreulichen Resultat, dass der Personenkreis eine längere Lebenserwartung hat. Deshalb braucht man eben auch mehr Geld, um die Leistungen weiter gewähren zu können.

An wie viele Opfer zahlte und zahlt die Stiftung?

Ursula Hansen: Seit Gründung der Stiftung vor fünf Jahren haben wir an 1.459 Menschen Zahlungen geleistet, davon sind inzwischen 223 verstorben. Von den derzeitigen Empfängern sind 628 Bluter und Transfusionsgeschädigte. Die übrigen sind Familienangehörige, denn das Gesetz sieht auch Leistungen für Kinder und Ehepartner von Infizierten und Erkrankten vor.

Wie hoch sind die Zahlungen?

Ursula Hansen: Direkt oder indirekt durch die Blutprodukte Infizierte bekommen monatlich 1.500 Mark bekommen. Wenn die Krankheit ausbricht, erhalten sie 3.000 Mark. Nach dem Tod des erkrankten Partners beziehen nicht-infizierte Partner monatlich 1.000 Mark, wenn der Partner vor Inkrafttreten des Gesetzes 1995 gestorben ist. Diese Zahlung ist auf fünf Jahre begrenzt. 

Wer hat wie viel Geld in die Stiftung gegeben?

Ursula Hansen: Die Stiftung hat 250 Millionen Mark erhalten. Davon hat 100 Millionen der Bund aufgebracht, 90,8 Millionen Pharmazeutische Unternehmen, das Deutsche Rote Kreuz 9,2 Millionen und die Länder haben 50 Millionen zur Verfügung gestellt.

Werden die Opfer und die Hinterbliebenen kein Geld mehr bekommen, wenn die Stiftungskasse 2004 leer ist?

Ursula Hansen: Davon gehe ich nicht aus. Die Stiftungsgremien sowie alle Verantwortlichen aus Parlament und Regierung haben Schritte unternommen, um weitere Zustiftungen zu bekommen, damit die Leistungen fortgesetzt werden können. Es gibt positive Signale aus dem Haushaltsausschuss des Bundestages

Wird auch die Pharmaindustrie aufgefordert, neues Geld in die Stiftung einzubringen?

Ursula Hansen: Natürlich. Es werden alle angesprochen, die auch bisher geleistet haben.

Die Interessensgemeinschaft Hämophiler hat schon 1995 kritisiert, dass die Mittel der Stiftung nicht ausreichen. Haben die Geldgeber darauf spekuliert, dass die Opfer weit vor der geplanten Auflösung der Stiftung sterben?

Ursula Hansen: Das kann ich so nicht sagen. Ich sage noch einmal: Die Höhe der gestifteten Summe wurde aufgrund einer Berechnung festgesetzt, die auf den damaligen wissenschaftlichen Erkenntnissen basierte.


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