10.05.2001



Interview mit Renan Demirkan

Startseite
taz

*   Liebe unterm Maulbeerbaum
Von Pascal Beucker

Am Freitag hat Renan Demirkan mit "Über Liebe, Götter und Rasenmähn“ Premiere. Ein Gespräch mit der Schauspielerin über Liebe, Respekt und die doppelte Staatsbürgerschaft.

Frau Demirkan, Wie buchstabieren Sie Liebe?

Renan Demirkan: Das weiß ich nach 45 Jahren immer noch nicht. Das Ergebnis meiner Annäherungsversuche ist dieses Programm, an dem ich anderthalb Jahre geschrieben habe. Es ist das Produkt von den fünf Buchstaben: dieses Wort, dieses Gefühl, die Phantasie, die da drin versteckt ist. Die Liebe sitzt unter dem Maulbeerbaum. Warum? Das verrät dieser Abend im Theater im Bauturm.

Das klingt sehr lyrisch!

Renan Demirkan: Das ist so!

Die Vorankündigung spricht von autobiographischen Passagen, beginnend bei der Kindheit...

Renan Demirkan: Ja. Der Bogen von der Kindheit bis heute hat zwei Komponenten. Zum einen berichte ich von dem, was ich gelebt habe, woher sich meine Sehnsucht rekrutiert. Warum ich denke, warum ich weitermache, warum bestimmte Dinge mich traurig machen. Das sind meine Erlebnisse. Aber Sie werden keinen Lebenslauf hören. Ich lehne mich nur an biographische Anekdoten an, suche den Punkt, der über das Persönliche hinausgeht. Mir ist der literarische und ästhetische Aspekt immer sehr wichtig. Sonst brauche ich nicht auf die Bühne zu gehen. Von mir erleben Sie sicher nicht, dass ich irgendwelche Tagebücher veröffentliche.

Und die zweite Komponente?

Renan Demirkan: Die unterschiedlichen lyrischen Aspekte, aus denen der Abend aufgebaut ist. Die ästhetische Form verwandelt die persönlichen Ausgangspunkte in Fiktion.

Wie war denn Ihre erste Liebe? Was ist an dem Jungen mit den wackelnden Milchzähnen Fiktion, was Wahrheit?

Renan Demirkan: Ich weiß gar nicht mehr, ob die Geschichte dieses kleinen fünfjährigen Mädchens so passiert ist, wie ich sie in Erinnerung habe. Die Erinnerung der Erinnerung blendet die Erinnerung der Erinnerung aus. Es ist sehr gefiltert. Andererseits mach ich dort schlicht und einfach - und das ist der fiktionale Moment - den Anfang eines neuen, anderen Empfindens fest. Es ist also kein privater Abend. Es gibt nicht die Anzahl meiner Lieben und Affären. Dieser Abend ist ein poetischer Versuch, sich dem Begriff Liebe zu nähern - auf der Grundlage bestimmter Schlüsselerlebnisse. Der Abend zeigt eine Suchende: Ich bin ja noch nirgends angekommen.

Ist Liebe Freiheit?

Renan Demirkan: Eher nicht, denn Medea hatte nicht die Freiheit, Jason zu lieben oder nicht. Das hat Hera bestimmt. In ihrem Auftrag haut Amor ihr den schmerzerfüllenden Pfeil rein. Ich stelle verschiedene Arten der Liebe vor. Von den wackelnden Milchzähnen bis zu den dritten Zähnen, die ich noch nicht habe, ist ein weiter Weg. Da sind ganz eindeutig die ersten Lieb-Haber - die mit einem Bindestrich - oder die Liebhabenden. Diese Liebe ist etwas Ausschließliches. Ich fragte Menschen, wie sie Liebe buchstabieren. Eine junge Frau, Mitte 20, unheimlich verliebt, sagte: "L wie geil, geil, geil, i der totale Wahnsinn, e ist mir egal, b noch mehr egal, e - aber Entschuldigung, ich muss weiter.“ Der Frau ist das Wort selbst egal, weil sie es empfindet. Die ganze Literatur ist ein Archiv von Liebesleichen. Da denkst du: Ist Liebe ein Fluch, eine Droge? Oder nur ein Schlager: "Es fährt ein Zug nach nirgendwo"?

Sie haben die wahre Liebe also noch nicht gefunden?

Renan Demirkan: Sie ist wohl eine Illusion, die unter dem Maulbeerbaum sitzt - das ist eine Kindheitserinnerung von mir. . . Die Sehnsucht nach der wahren Liebe ist vielleicht die Triebfeder für alles, was wir tun. Ich hoffe, dass ich irgendwann mal auch bleiben kann.

Sie sind immer geflohen?

Renan Demirkan: Immer. Das ist nicht klasse, ich muss das Bleiben eben lernen.

Dafür müssen Sie erst ankommen...

Renan Demirkan: Ja, das ist mein Leben. Das hängt sicher auch mit meiner Bikulturalität zusammen, die ich schon in der Türkei gelebt habe, wo wir zu Hause Tscherkessisch sprachen. Aber für die Neugierde ist Bikulturalität das kreative Element. Auch für Respekt gegenüber anderen Kulturen. Daher auch Ihr gesellschaftliches und politisches Engagement? Bis zu meinem 31. Lebensjahr hatte ich eine sehr politisierte und engagierte Zeit. Das taucht auch in meinem Programm auf. Ich komme aus der marxistischen Geisteserziehung. Wenn ich mich gegen Rassismus einsetze, dann aus der Grundüberzeugung, die Menschenrechte zu achten und zu wahren. Das ist meine Religion.

Deswegen sprechen Sie auch lieber von Respekt als von Toleranz?

Renan Demirkan: Toleranz ist nur Waffenstillstand. Respekt ist ein Versprechen für den Frieden. Da begegnen wir uns von Auge zu Auge, als Gleiche. Das gilt auch für das Verhältnis Mann-Frau oder das Zusammenleben am Arbeitsplatz. Dieses Denken gehört zu mir: Wahrung und Achtung, der Respekt vor dem Menschen. Ob jemand grün, gelb, schwarz oder braun ist, ob er Moslem, Jude oder Christ ist. Ich bin gefeit gegen jede Form von Rassismus.

Warum haben Sie eigentlich immer noch nicht den Pass des Landes, in dem Sie leben.

Renan Demirkan: Den hätte ich ja auch gern dazu. Aber man gibt mir keine doppelte Staatsbürgerschaft. Ich wehre mich gegen jede Form von Dressur, auch bei der Staatsangehörigkeit. Ich weigere mich, subsumiert zu sein unter etwas, was einen Teil von mir ausschließt. Sie werden meinen Namen, meine Haarfarbe und meinen Geburtsort nicht aus meinem Leben ausradieren können. Deswegen möchte ich diesen türkischen Pass behalten, der nicht mehr ist, als eine Bestätigung, dass ich da geboren bin und eine Bestätigung meiner kulturellen Zugehörigkeit zu diesem Land. Und ich hätte gerne den deutschen Pass dazu. Ich war ein großer Fan der rot-grünen Regierung, als sie versprach, die doppelte Staatsbürgerschaft durchzusetzen, und habe sehr darauf gehofft. Ich warte nach wie vor darauf. Doch egal welchen Pass ich habe: Ich werde mich nicht durch diesen oder jenen Pass daran hindern lassen, in diesem oder jenem Land zu sagen, was mich stört. Ich habe das gegenüber der türkischen Regierung und den türkischen Militärs getan, gegen das, was die in Kurdistan gemacht haben und ich werde mich auch nicht zurückhalten bei meiner Kritik, dass ich den Umgang mit Minderheiten hier in der Bundesrepublik zutiefst beschämend finde.

© Pascal Beucker. Alle Rechte an Inhalt, Gestaltung, Fotos liegen beim Autor. Direkte und indirekte Kopien, sowie die Verwendung von Text und Bild nur mit ausdrücklicher, schriftlicher Genehmigung des Autors.